merla
Lebensnotwendigkeit
Anni rennt den Bahnsteig entlang und weiter die Treppe herab, durchquert in Windeseile den Bahnhof und hetzt Richtung Innenstadt.
„Hier irgendwo muss es doch sein“ denkt sie sich verwirrt und schaut sich immer wieder zweifelnd um. Menschenmassen strömen ihr entgegen. Alle zwei, drei Schritte droht ein Zusammenstoß und sie muss im Slalom um die Leute herumlaufen, die trotz der erkennbaren Eile in Annis Gesicht nicht einen Millimeter zur Seite weichen. Sie läuft immer weiter, gehetzt, verzweifelt und scheint ihrem Ziel doch nicht näher zu kommen.
Was, wenn sie es nicht schafft? Wenn sie versagen und ihr Ziel nicht erreichen sollte? Die Folgen dessen wären verheerend!
Doch unermüdlich eilt Anni weiter, entgeht diversen Hindernissen wie im Weg stehenden Füßen und plötzlich aus der Masse hervorspringenden kleinen Gnomen. Umschifft Kinderwagen und schleichende Seniorengruppen, weicht gekonnt den wahnhaft in jedes Geschäft Rasenden aus und bahnt sich so ihren Weg. Ständig jagt dabei ihr Blick die Häuserreihen entlang.
Wo ist es nur? Es kann doch nicht so weit sein. Nach wie vor lässt sich ihr Ziel nicht ausmachen.
Plötzlich ein Lichtblick, ein kleiner Hoffnungsschimmer: Nicht weit von sich entfernt entdeckt Anni ein ihr bekanntes Gebäude und sie weiß genau, dass ihr Zielort dort in der Nähe sein muss. Mit neuer Kraft, neuem Mut beschleunigt sie ihren Gang –
und sieht sich plötzlich inmitten einer Gruppe aufgescheuchter Zwangsshopper.
„Wir waren noch nicht bei H&M“ – „Ich hab aber Hunger“ –„Schuhe! Ich brauche noch Schuhe!“ – „Wann fährt unser Zug?“ – „Da vorn ist NewYorker!“
Noch viel mehr davon prasselt auf Anni ein, umschwirrt ihren Kopf und wird in Verbindung mit dem Gekreische zu einer Qual unvorstellbaren Ausmaßes.
So nahe dem Ziel noch scheitern?
Nein!
Mit grimmiger Miene und Ellenbogeneinsatz schlägt sie sich eine Schneise, um dieser Folter zu entkommen. Unter größter Anstrengung und höllischer Schmerzen gelingt es ihr, sich einen Weg zu bahnen und selbst dem Tütenlabyrinth zu entkommen. Für ein paar Sekunden hat sie Luft, genügend Zeit, um mit einem mal, nur wenige Schritte entfernt, ihren Zielort zu erkennen. Mit einem hellen Auflachen stürmt sie los.
In kürzester Zeit und trotz herumirrendender, alles fotografierender Wesen aus einem fernen Land überbrückt sie diese letzten Meter und erledigt ihren Auftrag.
Jetzt bleibt kaum noch Zeit für den Rückweg. Doch erfüllt von Euphorie fackelt sie nicht lange und eilt von Neuem los.
Gerade noch rechtzeitig dreht sie ab, bevor sie wieder in die Gruppe der Wahnsinnigen gerät, die sich immer noch entschieden hat, welchen Laden sie als nächstes stürmen soll. Die Zahl der Kinderwagen und dazugehöriger herumspringender Gnome hat sich erschreckend erhöht und nun kommt es sogar vor, dass sich diese Gefährte mit Seniorengruppen zusammenschließen, was eine nahezu unumrundbare Mauer ergibt!
Unermüdlich kampflustig wartet Anni die Gelegenheit zum Gegenschlag ab. Kaum ist diese gekommen, beschleunigt sie ihren Schritt, setzt zum Überholen an, ist auf gleicher Höhe, sieht die Entgegenkommenden nur wenige Meter entfernt, erkennt deren Unwillen auszuweichen, beschleunigt ein weiteres Mal –
und kann gerade noch rechtzeitig vor dem Kinderwagen-Senioren-Komplex einscheren, bevor die quasselnden Entgegenkommenden den Trupp erreichen. Doch zum Aufatmen bleibt keine Zeit, Anni muss weiter.
Und so eilt sie, läuft, hetzt voran, immer wachsam und aufmerksam. Lange kann sie nicht mehr aushalten. Keuchend und dem Zusammenbruch nahe erreicht sie die Ampel an der Hauptstraße.
Rot!
Die Verzweiflung überflutet Anni. Es waren doch nur noch ein paar Meter, ein paar wenige Schritte!
Nervös starrt sie die Ampel an, erbittet, erfleht den Farbwechsel. Tränen der Erschöpfung und Enttäuschung schießen ihr in die Augen, doch dann erscheint plötzlich das ersehnte Grün.
Sie rennt los, die letzten Meter, die erste Treppe, den Gang entlang, die zweite Treppe –
und gerade noch rechtzeitig durch die sich schon schließende Tür.
Kaum noch des Stehens fähig sucht sich Anni einen Platz, setzt sich keuchend und der Ohnmacht nahe hin, atmet ein paar Mal tief durch und nimmt ihren MP3-Player aus der Tasche, um die leere Batterie gegen eine der gerade neugekauften zu ersetzen. Währenddessen fährt der Zug auch schon los.
_____________________________________________________
Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Der Name der Person ist aus welchen Gründen auch immer geändert worden. Sie wünscht, anonym zu bleiben.
Doch mal ehrlich:
Wie hätte ich denn sonst eine zweistündige Zugfahrt überleben sollen, wenn ich keine neuen Batterien gehabt hätte? Und wer kann denn bitte damit rechnen, dass ausgerechnet an dem Tag verkaufsoffener Sonntag ist?
..die verpeilte merla verewigt sich so prosaisch...Bin gespannt auf die nächste Erzählung, wo es um Pleiten, Pech und Pannen einer gewissen Person an einer einsamen Tanke geht...
...ansonsten wieder die Pointe sehr gut bis zu den letzten Sätzen aufgehoben....